Wo empfinden wir den Schmerz?

"Wer Schmerzen und Fehlstellungen nur lokal behandelt, gleicht einem Schiffbrüchigen, der aus seinem lecken Boot permanent Wasser schöpft, anstatt einfach das Loch zu verschliessen"

Da, wo's weh tut, liegt nicht die Ursache (nämlich eine pathologische Veränderung)

Da, wo wir Schmerzen empfinden, ist nichts kaputt, das kommt erst später, wenn wir mit der wirksamen Behandlung zu lange warten, bis wirklich ein Schaden entstanden ist. Wir denken aber:

Da, wo es wehtut, ist sicher etwas kaputt, hier muss die Ursache liegen, nämlich eine pathologische Veränderung. Da sind wir uns ziemlich sicher, weil wir es ja ganz genau spüren können. Diese Annahme ist aber falsch und führt automatisch zu einem groben Fehler, weil man hier selbstverständlich auch den Ort der möglichen Behandlung sieht. Eine Konsequenz, die fatal sein kann, aber die Schulmedizin macht keine Anstalten, diese Position zu überdenken oder gar zu korrigieren.

Die allgemeine Vorstellung sagt uns, woher der Schmerz kommt

Wir machen uns die Vorstellung der ärztlichen Lehrmeinung vom Wesen der Krankheit zu Eigen. Die wird als Mainstream in die Gesellschaft übernommen. Wir werden selten skeptisch, selbst wenn wir ganz unterschiedliche Diagnosen von Fachleuten angeboten bekommen. Das kann doch nicht sein, welche ist denn nun die richtige? Für die gleichen Beschwerden hören wir bis zu sieben verschiedene Namen, die tatsächlich alle etwas anderes bedeuten. Hat es denn Sinn, wenn wir uns die Mühe machen, mehrere Ärzte aufzusuchen oder uns "second opinions" anhören? Wer hat denn nun Recht, die haben doch alle studiert? Wer kennt sie nicht, die vielen unterschiedlichen Ansichten der verschiedenen Ärzte, die wir aufgesucht haben. Woher wissen wir eigentlich, dass die Schmerzen aus dem Ilio-Sakral-Gelenk kommen? Wer weiss schon genau, wie dieses Gelenk aussieht und welche Funktion es hat? Wer kennt schon genau den Verlauf des Ischias Nervs und wie der sich verhält, wenn er verletzt oder abgeklemmt wird?

Jeder Arzt eine andere Meinung?

Patienten haben die Erklärung natürlich von den Ärzten, die das selbstverständlich wissen müssen. Doch deren Wissen ist auch nur eine kollektive Annahme, eine nachweislich ungeprüfte Übernahme von einem Tatbestand, von dem man offensichtlich nicht viel Konkretes weiss. Diese Vorstellung hält sich so lange, bis eine neue Sicht die alte verdrängt. Oder möchten Sie heute noch behandelt werden wie im Mittelalter? Als Patienten sind wir gerne bereit, der angebotenen Idee zu folgen, weil wir eben auch sicher sind, eigentlich ganz genau zu wissen, woher der Schmerz kommt.

Die eigene Vorstellung bestimmt das handeln

Es geht uns demnach (wie fast immer) in erster Linie darum, unsere eigene Meinung oder Vorstellung zu bestätigen. Die Suche nach einer logischen Verknüpfung oder eine kritische Frage tritt in den Hintergrund. Leider!

Der Schmerz ist variabel

Ort und Intensität der Schmerzen variieren stark und sind von uns nicht exakt zu beurteilen. Wir können sogar die Stärke gut einschätzen, glauben wir. Beides, Ort und Intensität ist allerdings sehr wage und damit unbestimmt. Das wissen wir eigentlich alle, wenn wir genau darüber nachdenken oder unseren Körper genauer beobachten. Die Willkürlichkeit der Schmerzempfindung sollte eigentlich auffallen. Und auch, dass eine zusammengehörige Logik dahinter fehlt, sollte eigentlich dem aufmerksamen Beobachter nicht entgehen und ihn zur Skepsis mahnen. Denn morgens kann der Schmerz unerträglich sein und nachmittags ist er gut auszuhalten. Ist jetzt der Schaden plötzlich geringer? Hat sich wirklich etwas verändert? Die Region der Schmerzen, wo die sind, spielt interessanter weise bei der Beurteilung auch eine Rolle.

Jede tiefer der Schmerz nach innen rückt, umso unsicherer werden wir.

Auf der Haut können wir den Schmerz ganz gut lokalisieren. Hier sind die Tastkörperlichen, die wir fühlen, auch ziemlich dicht bei einander. An der Oberfläche sind Rezeptoren auch enorm wichtig, da sie die Grenze zwischen innen und aussen markieren. Die Reize von aussen müssen möglichst rasch und genau wahrgenommen werden und dann noch möglichst ohne Fehler sofort interpretierbar sein. Denn akute Gefahr kommt meistens von aussen. Einer unsere wichtigsten Sinne ist unser Tastsinn. Damit treten wir aktiv mit unserer Umgebung in Kontakt und können im Gegensatz zum Augen oder Ohren, die weiter entferntere Informationen schon früher empfangen, unmittelbar das wahrnehmen, was an unserer eigenen Körpergrenze passiert. Dafür brauchen wir Rezeptoren.

Der Tastsinn ist sehr ausgeprägt

Je nach der Menge der Tastkörperchen kann die empfangene Information sehr genau sein, wie an der Fingerspitze. Auf dem Rücken dagegen sind wir relativ unempfindlich (daher früher so häufig die Peitsche ohne wesentliche Verletzung) und können nur schwer entziffern, wenn wir das Spiel machen sanft etwas mit dem Finger auf den Rücken geschrieben zu bekommen. Je tiefer wir in den Körper hineinsehen (müssen, wegen der Schmerzen), umso ungenauer wird unsere Aussage. Hier sind wir auf Vermutungen angewiesen und es spielt bei der Angabe des Ortes oder des Organs eine Rolle, wie die Gesellschaft das üblicherweise einschätzt sowie welche Vorstellungen wir über Krankheiten haben.

Schmerz hat eine lähmende Funktion

Ein weiterer Grund, warum wir Schmerzen haben müssen, ist seine lähmende Funktion. Wir haben immer wieder darauf hingewiesen, dass Schmerz nicht unbedingt etwas zu tun hat mit Verletzung oder Zerstörung. Aber auch klar ist, irgendetwas ist nicht in Ordnung. Der Körper braucht Zeit. Es muss etwas umgebaut werden. Dafür braucht er Ruhe. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Muskelkater. Durch einen zu starken Stoffwechsel Prozess, einer chemischen Reaktion, ist der Muskel zu sauer geworden. Es ist also eine kleine Baustelle im Körper entstanden. Am besten ist es jetzt, man lässt diesen Teil des Körpers ein wenig in Ruhe. Dasselbe Phänomen finden wir auch bei lokale Entzündung oder auch Überanstrengung.  Da bei Bewegung immer auch Gelenke betroffen sind, werden auch diese lahmgelegt. D.h. nicht, ein Gelenk ist kaputt. Es heißt lediglich wir brauchen ein wenig Pause und Erholung.

Langsame Veränderung merken wir nicht

Die Hebelkraft der Muskeln und Sehnen wirken entscheidend auf die Gelenke. Bei einem Schmerz in einem Gelenk hat die mechanische Belastung mit der einwirkenden Hebelkraft zu tun und nur wenig mit dem Gelenk selbst. Eine akute Überlastung kann vorkommen, massiv und schnell wie ein Foul beim Fussballspiel. Das können wir erkennen und sofort etwas dagegen tun (z.B. mit einem Eisbeutel kühlen und ruhig stellen). Was wir überhaupt nicht merken, ist die langsame Version. Kontinuierlich wie bei einem Baum, der mehr und mehr gebeugt wird durch Windböen, die immer aus derselben Richtung kommen, verändern wir uns unmerklich. Irgendwann ist die Dysbalance so gross, dass das Gehirn einen Schmerz aufschaltet. Wann das geschieht ist nicht vorauszusagen und auch wohl bei jedem völlig unterschiedlich. Merkwürdigerweise spielt wieder die Dauer noch der Grad der Verbiegung eine Rolle. Die Entscheidung für einen Schmerz trifft alleine das Gehirn.

Die Körperhaltung offenbart die Fehlhaltung

Warum und wann es das macht, davon haben wir heute noch keine Ahnung. Die Verspannungen kann man allerdings unabhängig vom Schmerz gut sehen. Die Dysbalance betrifft natürlich alle beweglichen und aktive Bewegungselemente (Muskeln, Sehnen und Faszien). Das ganze System ist verwirrend kompliziert, wenn man es genau betrachtet. Gut verstehen können wir den Mechanismus, wenn wir hauptsächlich die in ihrer Funktion gegenüber liegenden Muskelgruppen miteinander vergleichen. Die Zügel der Belastungsbahnen werden auf einer Seite straffer sein, auf der anderen, gegenüber liegenden weiter auseinander gezogen. Denn die beiden gegenüber liegenden Muskel- und Sehnenstränge müssen sich gegenseitig ausrichten. Die eine Seite wird kürzer, also gebeugt, die andere länger. Das führt zumindest im Anfang unseres Lebens, in den Teeny-Jahren, zu einer von aussen kaum sichtbaren Fehlhaltung. Diese leicht veränderte Haltung an Hals und Kopf haben wir in der Zivilisation mehr oder weniger alle. Je älter wir werden, umso klarer stellt sich heraus, der Dreh- und Angelpunkt ist das Hüftgelenk. Die Mitte der menschlichen Konstruktion. Hier werden die Weichen nach oben und unten gestellt. Die oben von den Schultern beginnende Verspannung musst jetzt von den Beinen unten aufgefangen werden

Die Haltung verändert sich. Die Vorderseite wird kürzer, die Rückenmuskulatur wird auseinander gezogen.

Füsse und Knie müssen den Druck durch die veränderte Haltung auffangen und ausgleichen. Umgekehrt muss der obere Teil unseres Körpers auf die wechselnde und oft einseitige Verlagerung durch die Beine reagieren. Rücken, Schulter und Hals bleibt nichts anderes übrig, als nach oben hin eine neue Balance zu suchen. Die wechselseitige Beziehung betrifft immer jeden einzelnen Bereich des Körpers. Alles ist miteinander verbunden. Wenn Sie mit einer Hand etwas anheben, werden beide Füsse automatisch unterschiedlich belastet. Und natürlich nicht nur die Füsse, sondern alle sechs (acht) Gelenke in unseren zwei Beinen (2 Hüft-, 2 Knie-, 4 Fuss-). Bei Dauerbelastung ist die Wirkung natürlich intensiver.

Wenn diese Belastung Routine wird, entstehen die sogenannten Belastungsstrassen, die dem aufmerksamen Auge schon bei Jugendlichen auffallen, im späteren Alter für jeden problemlos zu erkennen sind.

[Belastungsstrassen] [Haltung] [Doppelpack]

Unsere Haltung wird bestimmt durch unsere Umgebung und unser individuelles Verhalten

Unsere Haltung wird also durch zwei verschiedene Einflüsse bestimmt. Einmal die kulturellen und zivilisatorisch bedingten Voraussetzungen. Hiervon ist die Mehrheit der Bevölkerung betroffen, weil wir alle ums Sitzen nicht herum kommen. Zum andern haben wir uns auch individuell Attitüden angewöhnt, einseitige Belastungen im Beruf oder einfach nur das Tragen einer Tasche auf immer derselben Schulter.

[Wirbelsäule]

Fazit: Wir können uns nicht auf unser subjektives Gefühl verlassen, weil die empfundenen Schmerzen eigentlich kein Massstab sein können. Sie kommen viel zu spät, sind ungenau, zu variabel. Eigentlich kann man gar nichts damit anfangen. Ausser natürlich mit der schon seit der Steinzeit bestehenden, gültigen Aufforderung:  "Ändere etwas!"

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